Samstag, 19. Mai 2012

Frühsport

Samstagfrüh, 6:30Uhr. Die Vögel zwitschern, die Sonne schickt ihre ersten Strahlen. Noch einmal umdrehen, dann um sieben Uhr die Flaschenlämmer füttern. Plötzlich klopft es an der Tür. Eine dunkle Vorahnung beschleicht uns. "Moin! Eure Schafe laufen durch´s Dorf. Höhe Seeadler." Letztere Aussage entlarvt den Mann eindeutig als Einheimischen, da die Gaststätte Seeadler seit gut 15 Jahren nicht mehr existiert und sich an ihrer Stelle nunmehr ein Wohnhaus im Toskana-Stil befindet.
- "Ok, danke Andreas, wir gucken gleich mal"
Na Super, rein in die Klamotten und los. Die Ausbrecher sind schnell gefunden, haben sich schon etwas weiter Richtung Heimatstall bewegt. Es handelt sich ausgerechnet um die schwarze Gang, die Black Welsh Mountain und die Skudden, alle nicht gerade für ihre Kooperationsbereitschaft bekannt. Andie klappert mit dem Hafereimer und wider Erwarten setzen sich die Schafe brav in Bewegung, hinter ihm her zurück Richtung Dorfausgang. Ich bilde mit dem Auto die Nachhut. Aber je weiter es wieder vom Heimatstall weggeht, desto zögerlicher bewegen sich die Damen fort, bleiben stehen, drehen sich immer häufiger um. Erstaunlich immer wieder das Orientierungvermögen der Schafe,  die wir ja ausschließlich mit dem Anhänger auf die weiter entfernt liegenden Weiden bringen. Sie wissen genau, wo der Heimatstall ist.

Am Dorfausgang geht es links ab in einen Feldweg. Puh, von der Hauptstraße sind sie schon einmal herunter. Inzwischen geht es im flotten Trab hinter dem Hafereimer her. Scheint ja doch eine problemlose Nummer zu werden. Ich entspanne mich. Plötzlich stoppt der Trupp, den Damen scheint klar zu werden, wo es hingeht. Wieder auf DIE Koppel? Och nö. Denkt die Chefin wohl, schlägt einen 90Grad Haken und ab geht es durch den Knick und über den Acker im Galopp. Ich springe aus dem Auto und versuche, ihnen in einem Bogen den Weg abzuschneiden. Andie hat es inzwischen wieder irgendwie vor den Trupp geschafft. Gemächlich geht es nun wieder auf den Weg zurück. Und weiter Richtung Koppel. Aber nur ca. hundert Meter, dann dasselbe Spiel: Stoppen, Abdrehen, durch den Knick, im Galopp über den Acker, wir im großen Bogen den Weg abschneidend. Mir fällt auf, dass ich mehr Sport treiben sollte. Planänderung, anscheinend wollen die Tiere zurück auf die vorige Koppel, die liegt in dieser Richtung, da war reichlich Futter und nebenan stehen die Jungs. Dummerweise müssen wir dafür an einer fremdem Schafkoppel mit ca. 50 Tieren vorbei. Prompt laufen unsere Schwarzen in diese Richtung und lassen sich nicht überzeugen, dem Eimerträger auf eine unserer Koppeln zu folgen. Also wiederum Planänderung. Andie läuft zum Auto und fährt nach Hause, um den Anhänger zu holen. Die Schafe finden es an der Zeit für ein Päuschen, lassen sich neben der Schafkoppel mit den anderen Schafen nieder und fangen an wiederzukäuen. Ich mache es mir auf dem Eimer bequem und genieße die schöne Morgenstimmung. Bei der Gelegenheit sehe ich, dass bei den fremden Schafen ein Lamm auf der Seite liegt und nicht aufstehen kann. Ich versuche es aufzurichten, aber es fällt wieder um. Ein schlechtes Zeichen, wenn ein ca. acht Wochen altes, gut genährtes Fleischschaflamm mit den Beinen rudernd auf der Seite liegt. Handy habe ich natürlich dabei, ich informiere den Schafbesitzer.

Inzwischen trifft Andie mit dem Anhänger ein. Die Schafe begrüßen ihn blökend. Er fährt den Anhänger an den Zaun, läßt die Klappe herunter, die Herdenchefin kommt neugierig herbei. Wir haben kaum das Netz als Überzeugungshilfe ausgebreitet, da sind die Damen schon auf dem ihnen vertrauten Anhänger. Und nun wohin? Die Weide, von der der Trupp entfleucht ist, hat wirklich keine geeignete Einzäunung für diese springfreudigen Rassen. Also gibt es nur eins: Ab nach Alcatraz wie seinerzeit den Ausbrecher Steinn. Schwimmen werden sie wohl nicht, zu fressen ist dort genug für die paar Tiere.

Zugegeben, manchmal wäre ein Hütehund ganz hilfreich. Aber solche Situationen entstehen ein- bis zweimal im Jahr. Und bei solch temperamentvollen und flüchtigen Schafen wie den Black Welsh Mountain und den Skudden bräuchte es einen sehr zuverlässigen Hund, der nicht zu viel Druck macht. Von einem Tier, das bei uns chronisch unterbeschäftigt wäre, nicht zu erwarten. Und irgendwie klappt es auch so. Mit Ruhe und Schafverstand. Und unser Frühstück hatten wir uns echt verdient! :-D